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Warum die Energiewende viel mit Digitalisierung zu tun hat

17.07.2018 | Kommentare
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Die derzeitige Energiewende ist vielleicht das größte nationale Energieprojekt aller Zeiten. Ökonomische, energiewirtschaftliche und gesellschaftliche Faktoren treiben diese voran. Dabei ist auch die Digitalisierung der Energiewirtschaft von entscheidender Rolle – besonders relevant für den Wandel in der deutschen Energiebranche sind die Investitionen in eine digitale Infrastruktur, neue Geschäftsmodelle und ein stärkeres Kundenbewusstsein. Warum diese Faktoren die Veränderung vorantreiben und wie die Zukunft der Energieversorgungsunternehmen aussehen wird, betrachten wir in diesem Artikel.

 

 

Herausforderungen und Probleme

Infografik Statista

 

Haupttreiber der Veränderungen in der deutschen Energiebranche sind der Ausbau der erneuerbaren Energien, Marktreformen und die Veränderung der Kundenbedürfnisse. Diese anstehenden Entwicklungen führen langfristig zu neuen Geschäftsmodellen und Arbeitsabläufen. Erhebliche Investitionen in erneuerbare Energien sind erforderlich, veränderte politische Vorgaben treiben durch Anreize und neue Regeln die Restrukturierung voran und ein neues Kundenbewusstsein mit selbstbestimmten Energiemanagement zwingen die Energieversorgungsunternehmen derzeit zum Umdenken. Verbunden mit der digitalen Transformation bestimmen die wichtigsten Themen der Energieversorgung – eine Kombination aus Sicherheit, Erschwinglichkeit und Nachhaltigkeit – die Zukunft der Energieversorgung.

 

Für Energieversorgungsunternehmen ergeben sich durch die Investitionen in die neuen Technologien und Systeme gleichzeitig viele gewinnbringende Möglichkeiten, z.B. in Richtung der Kunden: Die Produkte, wie der Strom, bleiben gleich, jedoch ändern sich die Produktions- und Vertriebswege zu den Kunden. Auch in der Energiebranche wollen Unternehmen die Interaktion mit ihnen möglichst an allen Kontaktpunkten analysieren – die Kommunikationsstrategien zu den Kunden digital auszubauen hilft dabei, ihre Bedürfnisse schneller und besser zu verstehen sowie entsprechende Angebote anzupassen.

 

Jedoch stellen die Veränderungen alle beteiligten Akteure vor Herausforderungen. Die Umsetzungen der dezentralen Energieversorgung für klimafreundliche Systeme, Speicherung von Energie, eine optimale Nutzung durch neue Netze, Kostentransparenz gegenüber den Kunden und neuer technische Faktoren wie Smart Grids, verlangen Investitionen in Zeit und Geld bei ihrer Implementierung.

 

Ein weiteres Problem: in Deutschland gibt es rund 900 Energieversorger – eine einzigartig hohe Zahl. Die Kleinstversorger sowie kleinere Stadtwerke sind mit den Aufgaben der Digitalisierung überfordert – neue einfache Netzwerkstrukturen könnten dabei durch Zusammenschlüsse und Kooperationen helfen. Eine Studie von 2016 zeigt, dass es den Unternehmen an Strategien fehlt und sie nicht wissen, wie die Chancen der Digitalisierung optimal genutzt werden können.

 

Bei den großen vier Energieversorgungsunternehmen wie E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall Europe hat man verstanden, dass das Geschäftsfeld der Zukunft digital wird und dort finden bereits Wandlungsprozesse statt. Ein Beispiel dafür ist die Kooperation von E.ON und Google, die sich zur Produktwelt Solar vernetzt haben.

 

 

Neue Geschäftsmodelle

Schnelligkeit, Mut, Kreativität und Weitsicht sind Faktoren, die auch bei der Frage, welche Geschäftsmodelle sich am Energiemarkt behaupten, eine Rolle spielen. Energienetze werden komplexere und dezentrale Systeme. Die intelligente Speicherung wird eine Schlüsseltechnolgie der Versorgerbranche und die Betreiber von Kraftwerken werden mit ihren jetzigen Geschäftsmodellen von dezentralen Energieträgern wie Solar, Wind und Biomasse  verdräng. Die zunehmende Vernetzung bietet auch Unternehmen aus dem Energiesektor eine große Auswahl an neuen digitalen Möglichkeiten. Die Energiewende kann ein Erfolg werden, wenn sie günstiger, gerechter und vor allem smarter wird.

 

In fast allen Ebenen der Wertschöpfungskette gibt es Chancen für digitale Geschäftsmodelle: Virtuelle Kraftwerke oder Smart Grid (ein intelligentes Stromnetz, in dem Stromerzeuger, Stromverbraucher und Strom speichernde Komponenten miteinander kommunizieren), sollen die fluktuierende Strommenge aus erneuerbaren Energien sowie den Stromverbrauch ausbalancieren. Es findet eine Verschiebung vom verbrauchsorientierten zum erzeugungsoptimierten Verbrauch statt. Auch der Zusammenschluss vieler kleiner Erzeuger sorgt für eine lukrative Teilnahme am Energiemarkt.

 

Traditionelle Geschäftsmodelle werden verändert – die Wechselbereitschaft steigt, Energiemarktplätze entstehen online und z.B. die Blockchain-Technologie gilt als neues Tool für die Energiewirtschaft. Durch Blockchain können Kunden zudem einen besseren Einblick in die Herkunft des Stromes bekommen.

 

Intelligente Stromzähler sind ein weiterer Ansatz für neue Geschäftsmodelle. Eine Möglichkeit ist die Laststeuerungen bis in die einzelnen Wohnungen oder Häuser, sodass die Kunden jeweils den günstigsten Stromtarif auswählen können, um z.B. ihr Elektroauto aufzuladen. Außerdem können Anteile der Produktion mit ihrem Verbrauch verrechnet werden. Es gilt als brauchbares Tool, um dezentrale Anwendungen automatisch zu organisieren, autorisieren und abzurechnen.

 

Auch die Smart City soll effektiv gestaltet werden, wie durch die Infrastruktur der Lademöglichkeiten für die E-Mobilität, bedarfsgesteuerte Bedienung der Straßenbeleuchtung mit E-Mobility, erweiterte  Breitbandmöglichkeiten sowie die intelligent gesteuerte Stromversorgung. Die stärkere Marktdurchdringung von Elektrofahrzeugen, dezentrale Batteriespeicher und Automatisierungssystemen werden die energiewirtschaftlichen Geschäftsmodelle grundsätzlich verändern. Zukünftige Geschäftsmodelle müssen flexibel genug sein, um auf die Veränderungen am Markt sowie auf die verschiedenen Kundenerwartungen reagieren zu können.

 

 

Digitale Infrastruktur

Die immer stärkere Vernetzung von Anwendungen im Endkundenmarkt mit dem Ziel, diese intelligent, system- und netzdienlich zu nutzen, erfordert eine technische Standardisierung. Das betrifft neben Geräten auch die IT-Anwendungen und Marktprozesse und besonders die IT-Infrastruktur.

 

Das klassische Großkraftnetzwerk wird, insbesondere durch digitale Umstrukturierungen, zunehmend von den dezentralen Energien wie Solar, Wind und Biomasse ersetzt. Der Bedarf nach Vernetzung steigt, sie muss einen Mehrwert für alle bieten – es braucht eine ausgereifte Verbindung zwischen Erzeugern, Verbrauchern, Stromspeichern und Elektrofahrzeugen zu intelligenten Stromnetzen.

 

Einen Ansatz beschreibt das Handelsblatt: Energieautarke Gebäude eröffnen neue Möglichkeiten in der Kombination von Wohnen, Energieversorgung und Mobilität. Sie können den Bewohnern langfristig stabile und damit kalkulierbare Pauschalmieten mit Energie-Flatrate, die neben Wärme und Strom auch E-Mobilität umfasst, garantieren. Sie besitzen einen dezentralen Energiespeicher und können die Energie über Sonne gewinnen. Größere Mengen Strom können in diesem Modell rangiert und der Energieüberschuss effektiv genutzt werden. Auch Shell versucht sich an der Vernetzung: Das eigene Geschäftsfeld „New Energies“ befasst sich mit einer Wasserstoff-Brennzelle als PKW-Antrieb. In nur drei Minuten ist diese aufgeladen und hat heute bereits eine Reichweite von bis zu 700 Kilometern.

 

Die Stärke der Energiewende liegt auch im Wettbewerb und der Vielfalt der Infrastrukturen aus Strom-, Gas- und Fernwärmenetzen, die jedoch sinnvoll miteinander kooperieren sollten. Smart Meter Gateways werden beispielsweise die Abrechnungen von Strom, Wasser, Wärme und Gas inklusive Submetering zusammen auf einen Gateway bringen und somit wieder den Weg für neue Geschäftsmodelle eröffnen. Jedoch benötigt die digitale Infrastruktur Cybersicherheit der Vernetzung der eingesetzten industriellen Steuerungssysteme sowie deren Anbindung an Unternehmens-IT und Internet, worauf sich wiederum digitale Geschäftsmodelle aufbauen lassen.

 

 

Digitale Kundenbeziehungen

Die Kunden bestimmen durch ihr aktives Nachfrageverhalten den Wettbewerb, optimieren den Energieeinkauf und erzeugen teilweise bereits selbst Energie. Durch die Selbstversorgung, die Nutzung von Smarthome-Angeboten oder Elektromobilität werden die Kunden zu aktiven Teilnehmern im Energiesystem. Maßnahmen zur Stärkung dieser aktiver werdenden Kundenbindung in der Energieversorgung sind elektronische Abrechnungen, Energiemanagement-Dienste, eine interaktive Website, Online-Terminvereinbarungen oder Echtzeit-Verbrauchsinformationen.

 

Die Kunden müssen außerdem die Hoheit über alle nicht direkt für die Abrechnung benötigten Daten haben und über diese auch individuell frei verfügen können – sie müssen die Möglichkeit haben, eine Kosten-Nutzen-Abwägung individuell auszuführen. Dafür braucht es gezielt sichere Plattformen, die es den Kunden ermöglichen, auf die Daten zuzugreifen und sie dem Energieversorger oder dritten Akteuren, z.B. zur Entwicklung eines Produktes zur Verfügung stellen zu können, wie es z.B. die Green-Button-Initiative der USA vorzeigt.

 

Das veränderte Kundenverhalten führt dazu, dass die Kundenbedürfnisse verstärkt in den Mittelpunkt der geschäftlichen Aktivitäten rücken müssen. Die digitalen Kunden erwarten die kontinuierliche, aber dennoch unaufdringliche Wertschätzung im Kommunikationsverhalten sowie ein durchgängig personalisiertes Leistungsangebot. Zusätzlich müssen relevante Informationen über alle Kommunikationskanäle einfach abrufbar sein und Social Media sollte die Kommunikation unterstützen.

 

Die Kunden erwarten zunehmend, dass die Anbieter ihre individuellen Werte und Bedürfnisse erkennen und diese bei Angeboten berücksichtigen – digitale Services und Angebote sind eine Schlüsselrolle. Die Kundenerwartungen passen sich über Branchen hinweg an – die Serviceerfahrungen vom Einkauf auf Amazon werden auch auf die Energieversorger übertragen. Der Ausbau digitaler Kanäle ist enorm wichtig, denn sie sind die Kontaktpunkte für die EVU zu ihren Kunden. Die ganzheitliche Aufgabe besteht in der Ausgestaltung digitaler Kommunikationskanäle und Verbindungen von klassischen mit digitalen Kanälen in der Omni-Channel-Strategie.

 

Produkte und Dienstleistungen, die den persönlichen Bedürfnissen entsprechen, werden von den Kunden erwartet – eine individualisierte Customer Experience ist der Schlüssel.

 

 

Zukunftsausblick in die Energiebranche

Die Umgestaltung der Energiewirtschaft bedeutet für Unternehmen grundlegende Veränderungen – digitale und Transparenz schaffende Lösungen führen zu mehr Akzeptanz und die Kunden werden zur Teilhabe am Endkundenmarkt sensibilisiert. Der Wettbewerb garantiert, dass sich auf Kundenbedürfnisse zugeschnittene und vom Kunden akzeptierte Leistungen im Markt durchsetzen. Generell ist von einem steigenden Wettbewerbs- und Margendruck in diesem regionalen  Markt auszugehen.

 

In der Energieversorgungsbranche müssen Unternehmen konsequenter zusammenarbeiten. Die erfolgreiche Umsetzung der digitalen Lösungen fordert eine strukturierte Vorgehensweise sowie Veränderungen der Technologien und Geschäftsprozesse. Es müssen geeignete Digitalisierungsansätze unternehmensweit erkannt sowie priorisiert werden und bedürfen einem konkreten Plan zur Umsetzung.

 

Neue Technologien, insbesondere die der erneuerbaren Energien, werden den Markt in Zukunft bestimmen und erfordern eine Anpassung. Außerdem sollte eine maximale Kundenorientierung erfolgen – die Bedürfnisse müssen rechtzeitig erkannt und umgesetzt werden. Unternehmen sollten dabei immer mit Weitsicht arbeiten, denn Kooperationen mit anderen Unternehmen erhöhen die Flexibilität und fördern die Weiterentwicklung.

 

 

 

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