Künstliche Intelligenz – Verpasst der Mittelstand den digitalen Anschluss?

Digitale Sprachassistenten, Smarte Lautsprecher oder selbstfahrende Fahrzeuge – die künstliche Intelligenz (KI) durchdringt zunehmend unseren Alltag und wird die Welt nachhaltig verändern. Vor allem für die Wirtschaft eröffnen sich durch die disruptive Technologie große Chancen: Dank KI werden Unternehmen zukünftig ihre gesamte Wertschöpfungskette intelligent gestalten können und somit in der Lage sein, enorme Effizienzsteigerungen zu erzielen oder gar völlig neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Länder wie China oder die USA tätigen deshalb seit Jahren hohe Investitionen im Bereich der KI und auch die deutsche Bundesregierung hat die Bedeutung der Technologie erkannt. Mit der kürzlich verabschiedeten nationalen Strategie für künstliche Intelligenz will sie die Zukunft Deutschlands als Industriestandort langfristig sichern – doch gerade der Mittelstand, das Rückgrat unserer Wirtschaft, reagiert aktuellen Studienergebnissen zufolge eher zurückhaltend auf den neuen Megatrend.

In diesem Beitrag stellt sich Kanal Egal deshalb die Frage, wo die Unternehmen des deutschen Mittelstands aktuell bei der Nutzung von KI stehen und welche Anwendungsbereiche sich für die KI identifizieren lassen. Außerdem stellen wir die größten Hürden einer erfolgreichen KI-Einführung im Mittelstand dar und zeigen, wie diese überwunden werden können.

Künstliche Intelligenz: Mehr Potenzial als die Dampfmaschine

Das wirtschaftliche Potenzial von KI ist beeindruckend: In einer aktuellen Studie prognostiziert beispielsweise Accenture bis zum Jahr 2035 eine Verdoppelung des Wirtschaftswachstums von westlichen Nationen. Auch die deutsche Volkswirtschaft wird dabei kräftig von der Technologie profitieren. Zu dieser Einschätzung kommen wiederum Experten von PWC, die in ihrem AI Impact Index für Deutschland 2030 ein jährliches KI-induziertes Wachstum von 1,3 Prozent vorhersagen. In Summe entspräche dies einem Anstieg des BIP von rund 430 Mrd. Euro. Zum Vergleich: Von der Dampfmaschine, die unbestritten als Motor der industriellen Revolution gilt, ging einst nur ein Wachstumseffekt von 0,3 Prozent des BIP aus.

Gesamteffekt von KI auf das BIP in Deutschland (Quelle: PWC)

Das erwartete Wachstum lässt sich dabei den Autoren der Studie zufolge zunächst auf neue Produkte und Dienstleistungen zurückführen, die durch die Nutzung innovativer KI-Anwendungen entstehen. Neben der Entwicklung von völlig neuen Produkten oder Geschäftsmodellen werden Unternehmen außerdem fortan ihr bestehendes Produktangebot entsprechend der individuellen Kundenwünsche personalisieren und anschließend in hoher Qualität fertigen können. Dieses neue, individuellere und hochwertigere Gesamtangebot soll wiederum zu einem höheren Konsum auf Verbraucherseite führen und für mehr als die Hälfte des prognostizierten BIP-Wachstums sorgen. Einen weiteren Haupttreiber des Wachstums sehen sie in der zunehmenden Automatisierung: Gerade in den kapitalintensiven Branchen, die in Deutschland vergleichsweise stark ausgeprägt sind, werden dabei hohe Produktivitätssteigerungen erwartet. KI könnte also das Allheilmittel für die deutsche Wirtschaft sein – doch wo steht der Mittelstand, das Rückgrat unserer Wirtschaft, aktuell bei der Nutzung der Technologie und lassen sich überhaupt konkrete Anwendungsbereiche für die KI im Mittelstand identifizieren?

Status Quo KI – Nachholbedarf trotz zahlreicher Anwendungsbereiche

„Verschläft der Mittelstand seine digitale Zukunft?“ – solche und ähnliche Schlagzeilen konnte man in den letzten Jahren häufiger lesen. Vielleicht sogar zu Recht, denn in der Digitalisierung galt der Mittelstand lange Zeit eher als Nachzügler denn als Vorreiter. Aktuelle Studien, wie der Digitalisierungsindex Mittelstand, zeigen aber, dass die Zeichen der Zeit durchaus erkannt wurden und sich der Digitalisierungsgrad mittelständischer Unternehmen stetig erhöht. Auch dieses Jahr stieg das Digitalisierungsniveau, vor allem dank eines intensivierten digitalen Engagements auf den Handlungsfeldern „Beziehung zum Kunden“ sowie „IT-, Informationssicherheit und Datenschutz“, erneut um einen ganzen Indexpunkt.

Digitalisierungsgrad mittelständischer Unternehmen (Quelle: Telekom)

Beim Thema KI, dem Megatrend der fortschreitenden Digitalisierung, offenbart der Mittelstand allerdings noch kräftigen Nachholbedarf: Derzeit nutzen erst 7 Prozent aller Mittelständler aktiv KI-Anwendungen und nur weitere 19 Prozent planen eine konkrete Nutzung innerhalb der nächsten zwei Jahre. Ganze 47 Prozent halten KI sogar als vorerst nicht relevant für ihr Unternehmen.

Künstliche Intelligenz im Mittelstand (Quelle: Telekom)

Diese eher verhaltene Resonanz auf das Thema ist durchaus überraschend, denn mögliche Anwendungs-bereiche für KI im Mittelstand gibt es en masse. Diese finden sich vor allem dort, wo größere Datenmengen anfallen. Hier kann die KI Unternehmen dabei unterstützen, Kontexte und Zusammenhänge besser zu verstehen, daraus Erkenntnisse zu generieren sowie Routineaufgaben zu automatisieren und Prozesse zu optimieren. Bei mittelständischen Unternehmen ist dies entlang der gesamten Wertschöpfungskette möglich:

Den Anfang macht dabei die Eingangslogistik. Hier könnte zukünftig die komplette physische Lagerhaltung von KI-gestützten autonomen Fahrzeugen und Robotern erledigt werden. Darüber hinaus sind KI-Anwendungen außerdem in der Lage, die zugehörige Routen- und Bedarfsplanung zu übernehmen und sorgen somit für enorme Effizienzsteigerungen bei den nutzenden Unternehmen.

In der nachgeschalteten Produktion können dank KI zukünftig flexible Produktionsstraßen entstehen, die Engpässe beseitigen und den Produktionsoutput erhöhen, indem beispielsweise Arbeitskräfte vollautomatisch und bedarfsgerecht zugeteilt werden. Zusätzlich ist der Einsatz von intelligenten, sensorgestützten Verfahren im Rahmen von Predictive Maintenance eine vielversprechende Option, da diese eine drastische Reduzierung vonWartungskosten und Ausfallzeiten innerhalb der Produktion ermöglichen.

Auch im Marketing und Vertrieb finden sich zahlreiche weitere Anwendungsmöglichkeiten für die KI. Besonders interessant sind dabei vor allem Anwendungen, die intelligente Matching-Algorithmen nutzen. Mit ihrer Hilfe können Kundenwünsche in Zukunft besser identifiziert und anschließend zielgruppengerechte und gut getimte Angebote auf den Markt gebracht werden.

Ebenso wird der Servicebereich und Kundendienst tiefgreifende Veränderungen erleben: Hier ermöglichen etwa intelligente Assistenzsysteme, eine umfassende Senkung des Personalbedarfs sowie eine verbesserte Vernetzung von Unternehmen und Kunden. Heute schon etabliert ist in diesem Bereich der Einsatz von Chatbots, welche den Erstkontakt mit dem Kunden übernehmen und dabei völlig autonom Fragen beantworten, Hilfestellungen geben oder konkrete Anliegen weiterleiten.

Abschließend hat die KI auch Auswirkungen auf die Unternehmensinfrastruktur: Standardabläufe wie Steuern, Controlling oder das Aufsetzen von Verträgen – all dies kann fortan durch KI-Anwendungen automatisiert und optimiert werden.

An möglichen Anwendungsmöglichkeiten mangelt es also nicht, doch wie lässt sich dann die eher zurückhaltende Nutzung von KI im Mittelstand erklären?

KI im Mittelstand – Wirtschaftliche, technologische und rechtliche Hürden

Hierfür führt die Universität des Saarlandes in einer aktuellen Studie drei Hauptgründe an. Zunächst sind dies wirtschaftliche Restriktionen, wie etwa fehlendes KI-Know-how bzw. fehlende Fachkräfte. Besonders zum Thema Fachkräftemangel liefert Bitkom konkrete Zahlen: In einer repräsentativen Befragung von Führungskräften aller Branchen konnten allein für das Jahr 2018 mehr als 82.000 unbesetzte IT-Stellen festgestellt werden. Erschwerend hinzu kommt für viele Mittelständler außerdem, dass sie für die wenigen verfügbaren Fachkräfte einfach nicht attraktiv genug sind. Zum einen liegt dies in fehlenden Karrierechancen begründet, zum anderen in der Tatsache, dass Fachkräfte bei KI-fernen Mittelständler meist anstrengende Pionierarbeit leisten müssen. Statt von bereits vorhandenem Wissen zu profitieren und ambitionierte Projekte zu betreuen müssen sie meist innerbetriebliche Widerstände bekämpfen und Ängste vor möglichen Arbeitsplatzverlusten durch die Technologie innerhalb der Belegschaft reduzieren.

Treiber und Hemmnisse von KI im Mittelstand (Quelle: Universität des Saarlandes)

Ebenso hemmen rechtliche Bedenken, v.a. in Bezug auf den Datenschutz und die Datensicherheit einen offenen Umgang mit und eine erfolgreiche Implementierung der KI. Große Unsicherheit entsteht hier vor allem durch ein fehlendes Wissen über die Funktionsweise von KI-Systemen. Diese Unsicherheit führt in der Folge zu vielfältigen, diffusen Bedenken, die Unternehmen final vor Investitionen in diesem Bereich zurückschrecken lassen.

Darüber hinaus scheitert der erfolgreiche Transfer von KI in den Mittelstand auch an den technologischen Voraussetzungen innerhalb der Unternehmen: Künstliche Intelligenz braucht Daten, am besten in Form einer möglichst homogenen und einfach zugänglichen Datenbasis und genau diese ist oftmals nicht vorhanden. Stattdessen ist die IT vieler Mittelständler in der Praxis noch in Form einzelner Anwendungen organisiert, die wiederum jeweils eigene Datensilos unterhalten und somit die Nutzung von KI-Anwendungen nahezu unmöglich macht.

Dies zeigt deutlich: Um die Potenziale von KI nutzen zu können, müssen mittelständische Unternehmen in Deutschland aktiv werden und Lösungen für diese Probleme finden – doch wie könnten diese konkret aussehen?

So kann der Transfer von KI in den Mittelstand gelingen

Zunächst sollte dafür gesorgt werden, dass mittelständische Betriebe Zugang zu der, für die Nutzung von KI benötigten, Datenquantität- und -qualität erhalten. Hierfür bestehen grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Zum einen kann der Staat Anreize für KI-Kooperationen zwischen den einzelnen Unternehmen schaffen. Dadurch würden flächendeckende KI-Netzwerke entstehen, die vorhandene Ressourcen und Daten auf Plattformen bündeln, für alle Betriebe nutzbar machen und so letztlich die erfolgreiche Implementierung von KI in die Prozesse der Mittelständler ermöglichen. Zum anderen könnten die Unternehmen auch vermehrt auf den Einsatz von KI-Dienstleistungslösungen setzen. Durch diese cloudbasierten „KI as a Service“ Lösungen könnten sie, ohne fundiertes KI-Know-how oder die eigentlich erforderlichen technischen Infrastrukturen, passgenau und mit geringem Budget von KI profitieren.

Zur Überwindung des bestehenden KI-Fachkräftemangels bieten sich vor allem staatliche Initiativen an, z.B. in Form von Weiterbildungsangeboten. Die, im Rahmen der nationalen KI-Strategie entstandenen, Mittelstand 4.0 Kompetenzzentren sind dabei ein erster Schritt in die richtige Richtung. Hier werden den Betrieben kostenfrei, anbieterneutral und deutschlandweit zahlreiche „Best Practise“ Beispiele vermittelt und darüber hinaus spezielle KI-Trainer zur Seite gestellt. Diese sollen die Überführung von KI-Lösungen in die betriebliche Praxis unterstützen und dabei gezielt KI-Kompetenzen aufbauen. Das Konzept der Kompetenzzentren gewährleistet somit, dass vor allem auch kleinere, ressourcenärmere Mittelständler nicht den Anschluss bei der Zukunftstechnologie verpassen.

Ein weiterer Hebel um den Transfer von KI in den Mittelstand zu unterstützen ist die Bereitstellung einer leistungsfähigen digitalen Infrastruktur. Diese ist eine der Grundvoraussetzungen für KI, denn ohne erstklassige Netze, die große Datenmengen schnell, flächendeckend und ohne Unterbrechung übertragen können, ist die Nutzung von KI-Anwendungen schlicht nicht möglich. Ein Stichwort wäre in diesem Zusammenhang z.B. 5G – nur wenn man hier dem Vorbild anderer Länder, wie China oder den USA folgt und kräftig investiert, wird man auf lange Sicht im internationalen KI-Wettrennen Schritt halten können.

Zusätzlich zu diesen Vorschlägen muss außerdem eine breite gesellschaftliche Akzeptanz für KI geschaffen werden: Nur wenn es gelingt, etwaige Vorbehalte und Bedenken gegenüber der Technologie auszuräumen, kann sie ihr gesamtes Potenzial entfalten. Dazu bedarf es einer intelligenten gesetzlichen Regulierung. Diese sorgt dank klar definierter Regeln zur Datenauswertung, Transparenz von Datenerhebungen oder Haftungsfragen zunächst dafür, dass Nutzer mehr Sicherheit im Umgang mit KI-Anwendungen erleben. Ebenso lässt die intelligente Regulierung aber auch genügend Freiraum für die Entwicklung wettbewerbsfähiger KI-Lösungen und schafft durch den Einbezug verschiedener Interessensgruppen eine ausgewogene Balance zwischen den Anforderungen von KI-Systemen und ihren Nutzern.

Abschließend lässt sich also festhalten: KI ist keine vorübergehende Trenderscheinung, sondern die nächste digitale Entwicklungsstufe und wird deshalb Wirtschaft und Gesellschaft in einem noch nie dagewesenen Ausmaß transformieren. Um den Anschluss an die digitale Weltspitze nicht zu verlieren und unseren Wohlstand auch langfristig zu sichern, muss deshalb ein umfassender Transfer von KI in den Mittelstand ermöglicht werden. Hierbei gilt es im Zusammenspiel aus Wirtschaft, Gesellschaft und Politik, die vorgestellten Lösungen umzusetzen und weitere Maßnahmen zu erarbeiten. 

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