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Digitalisierung vs. ROI – Wer zu kurz springt, landet unsanft

25.06.2018 | Kommentare
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Dass die Umsetzung der Digitalisierung von Unternehmen meist einen hohen Kostenaufwand fordert, ist kein Geheimnis – deshalb ist für viele die entscheidende Frage: Ab wann lohnen sich die Investitionen in digitale Projekte? Der ROI stellt somit auch bei der Bewertung und Bewilligung von Digitalisierungsmaßnahmen eine wichtige Kenn- und Zielgröße dar. Wir widmen uns in diesem Artikel den Fragen, inwieweit der ROI bei Digitalprojekten anders gewichtet werden muss, ob eine zu kurzfristige Betrachtung dem Vorhaben Digitalisierung schaden kann und wann dem ROI in der Digitalisierung ein hoher Stellenwert zukommt.

 

Wie sehen wir den ROI bei Digitalisierungsprojekten?

Jeder CDO, Marketing- oder IT-Leiter kennt die Ansage: „Das Projekt XY wird nur bei positivem ROI bewilligt und budgetiert.“ Am besten wird dann nur ein kurzfristiger ROI betrachtet, der in der flüchtigen Managementdenke auch die eigenen Kennzahlen und die Managementreputationen unterfüttert – meist bringt das nur ein paar „Leuchtturmprojekte“ und Versuche mit aktuellen Technologietrends hervor. Gerade bei Unternehmen, die durch Venture Capital gesteuert werden, kommt diese Abfrage sofort. Eine Bewilligung bei Digitalisierungsprojekten erfolgt nur bei einem ausweisbaren positiven ROI. Diesem Credo werden selbst Investitionen in das digitale Fundament unterworfen.

 

Jedoch setzt der ROI bei komplexen Digitalisierungsprojekten erst zeitversetzt ein oder ist gerade bei strategischen Initiativen gar nicht positiv. Die Umsetzung der digitalen Initiativen erfordert Zeit und insbesondere zu Beginn viel Kapital – Gewinne werden bei den meisten Projekten erst mittel- bzw. langfristig erzielt. Zudem bleibt das Risiko des ROI als Kernkennzahl oft unbedacht, denn für aussagekräftige ROI-Kennzahlen müssen Kosten und Nutzen eindeutig zugeordnet sein. Bei komplexen Projekten wird es schwieriger, diese in einen Zusammenhang zu bringen.

 

Gerade strategische Digitalisierungsprojekte sind sehr komplex und der ROI steht ihnen als eine statische Kennzahl diametral gegenüber. Deshalb ist es wichtig, auch andere Faktoren zu berücksichtigen. Wie der Digitale Mittelstand erklärt, können sich weitere Werte wie z.B. das Image des Unternehmens oder die Zufriedenheit der Mitarbeiter ebenfalls auf die Rentabilität des Unternehmens auswirken, werden aber bei der ROI-Berechnung nicht mitbedacht. Die traditionellen Bewertungsmechanismen reichen demnach nicht mehr aus und mit digitalen Umstellungen kommen auch mehr Kosten hinzu. Ein häufiger Fehler ist zudem, dass Unternehmen trotzdem viel zu schnell mit hohen Umsätzen rechnen, indem sie Planzahlen „schönrechnen“, um für eine Projektbewilligung einen positiven ROI vorweisen zu können. Hierauf folgen oft Ernüchterung und Erklärungsnotstand, wenn die im Business Case erträumten Größen- und Mengengerüste in den Folgejahren deutlich verfehlt werden.

 

Kurzfristigkeit vs. Weitsicht

Ein Beispiel aus der Industrie 4.0 – laut McKinsey sehen 61% der Unternehmen den fehlenden ROI als große Hürde auf dem Weg zur Digitalisierung der Produktion. Dabei sollten diese Anwendungen schon früh auf ihre Wirtschaftlichkeit geprüft werden, denn die Digitalisierung der Produktion muss und kann sich rechnen. 60 % der befragten Unternehmen schätzen, dass mehr als ein Drittel der Anlagen für die digitale Produktion ersetzt werden muss –  ein schwer messbarer ROI macht es Unternehmen deshalb nicht leichter, sich auf die Investition in die Digitalisierung einzulassen. Ängste vor Fehlinvestitionen sowie hohem Kapitalverlust gehen damit einher, wenn der ROI bisher immer die verlässliche Kernkomponente war und sich nun auf kurze Sicht nicht zu lohnen scheint.

 

Wie erwähnt weisen gerade die strategisch wichtigen und umfangreichen Digitalisierungsprojekte oft keinen positiven bzw. schwer messbaren ROI auf. Sie sind jedoch die Projekte, die bei Erfolg wie Misserfolg den Unterschied zum Wettbewerb ausmachen, da sie die Basis für eine digitale Entwicklung des Unternehmens bilden, z.B. Investitionen in eine übergreifende Digitalstrategie, digitale Infrastruktur, Know-how und Kultur sowie digitale Sicherheit. Ebenfalls gilt das für Digitalisierungsthemen oder Modellierungen und Dokumentationen von Prozessen, die keine direkten oder kurzfristigen positiven ROI-Auswirkungen haben, aber ein Muss für eine erfolgreiche Digitalisierung darstellen. Somit sind zentrale Digitalisierungssäulen investitionsintensiv und rechnen sich nicht sofort – Unternehmen müssen das einkalkulieren.

 

Wenn Unternehmen den ROI als Bewilligungsfilter verwenden, landen sie meist in der Falle. Investitionen beschränken sich auf Insellösungen und kurzfristige oder direkt messbaren Lösungen wie vertriebsunterstützende Plattformen. Man könnte das mit dem Straßenbau vergleichen und einer Straße, die durch ständiges Flicken kaum noch befahrbar ist, während eine grundlegende Sanierung zunächst kostenintensiv ist, aber in Summe deutliche Vorteile bietet.

 

Anstatt einen kurzfristigen ROI zur zentralen Steuergröße zu verklären, sollten eher zukunftsweisende KPIs definiert werden, während eine mittel- bis langfristige ROI Betrachtung damit einhergeht. Alternative und im Allgemeinen relevante KPIs im Bereich Erfolgs- und Bilanzkennzahlen, die Auswirkungen auf den digitalen Reifegrad des Unternehmens sowie auf Prozessverbesserungen und -effizienzen haben, sind  beispielsweise die Investitionsquote oder die Eigenkapitalrentabilität. Jedoch muss jedes Unternehmen branchenspezifisch für sich die KPIs definieren – exemplarisch betrachten wir einen Fall aus der Industrie 4.0: Wenn ein digitales System mit hohen Kosten aufgebaut wird, z.B. durch Automatisierungen, IoT oder Cloud-Lösungen, die mit Maschinen verbunden sind, können die Produktionskosten oder auch die Reparaturkosten (Predictive Maintenance) nachhaltig durch die digitalen Techniken gesenkt werden.

 

Es empfiehlt sich, den digitalen Reifegrad schrittweise zu erhöhen und somit optimal am Markt aufgestellt zu sein. Außerdem haben Unternehmen dann eine höhere Resilienz gegenüber der Konkurrenz. Das soll jedoch nicht heißen, dass die Betrachtungen des ROI in der Digitalisierung irrelevant sind. Eine Checkliste für IT-Projekte liefert die AEB:

 

 

Wann lohnt sich die Betrachtung und Bewertung des  ROI?

Dennoch hat auch bei Digitalisierungsprojekten der ROI einen hohen Stellenwert, um die Sinnhaftigkeit digitaler Initiativen zu überprüfen und Fehlinvestitionen zu vermeiden.

 

Blicken wir auf unseren Beispielcase Industrie 4.0 – Die Initiative „SEF Smart Factory e.V.“ betreibt Industrie 4.0-Forschungs- und Entwicklungsplattformen u.a. in der realen Elektronikfabrik des mittelständischen Unternehmens Limtronik in Limburg  a. d. Lahn. Gemeinsam mit verschiedenen Hochschulen hat man die Plattformen entwickelt, die Anforderungen der Industrie 4.0 umsetzen und die entwickelten Lösungen sowie die Standards dem Mittelstand zugänglich machen.

 

In der Studie der THM wurde analysiert, wie hoch der ROI der Investitionen in die Digitalisierung der beiden Fabriken ist, die als Standorte der Smart Electronic Factory funktionieren. Was fand man heraus? Die digitalen Lösungen lohnen sich schon innerhalb kürzester Zeit und weisen einen positiven ROI auf. Z.B. lassen sich durch die Identifikation der Bauteile per Barcode Kostenersparnisse von 52,89 % erreichen und eine Verkürzung des Vorgangs der ursprünglichen Zeit um 25 %. Dadurch werden u.a. Fixkosten um ca. 50 % gesenkt und die Industrie 4.0 rechnet sich demnach laut der Studie auch für kleine und mittelständische Unternehmen. Ähnliche Beispiele gibt es viele – solange es um konkret mess- und abgrenzbare Projekte und nicht um Investitionen in Digitalisierung allgemein geht, macht eine ROI-Betrachtung absolut Sinn.

 

Doch auch overall ist eine positive ROI-Entwicklung bei Investitionen in Digitalisierung messbar. Dies unterstreicht eine Studie des Weltwirtschaftsforums (WEF) mit Accenture. Trotz Unterschieden in den Branchen zeigt sich, dass Firmen mit höherem Invest in die Digitalisierung auch einen positiven ROI erzielen.

 

 

Return on Investment „Leader“ vs. „Follower“, World Economic Forum, 2018

 

Laut der Studie holen die „Leader“ in aufgezeigten Branchen für jeden Dollar der pro Mitarbeiter in mehrere neue Technologien investiert wird, 1,7 Dollar pro Mitarbeiter wieder heraus, bei den „Followern“ sind es noch 1,3 Dollar. Dabei lohnt es sich, in mehrere Branchen gleichzeitig zu investieren, z.B. bei Branchenführern in Robotics und Mobile/Social Media.

 

Die sanfte Landung

Ein positiver ROI ist eine gute Basis für erfolgreiche Digitalisierungsprojekte, darf aber nicht als der absolute „Gatekeeper“ für Digitalisierungsprojekte und digitale Innovationen angesehen werden. Unternehmen sollten deshalb auch weitere KPIs bei der Betrachtung und Bewilligung von Projekten betrachten. Im Fokus des ROI steht immer ein Wertzuwachs – je schneller sich eine Investition innerhalb der Nutzungsdauer rentiert, desto besser. Doch die wenigsten Digitalisierungsprojekte haben nach kurzer Zeit einen positiven ROI. Der Mehrwert für Unternehmen liegt jedoch in den Erfahrungen, die Digitalisierungsprojekte mit sich bringen sowie in der Tatsache, dass eine digitale Entwicklung immer positive Nebeneffekte nach innen wie auch nach außen in Richtung Kunde und Markt ermöglicht.

 

 

 

 

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