„Digitalisierung gestalten“ – hat Deutschland die richtige Strategie für eine erfolgreiche digitale Transformation?

Die Digitalisierung schreitet weiter unaufhaltsam voran und verändert nahezu alle Bereiche unseres täglichen Lebens. Dabei setzt sie vor allem politische Entscheidungsträger unter Zugzwang. Ihre Aufgabe ist es, die optimalen Voraussetzungen für eine digitale Transformation zu schaffen und den digitalen Wandel in Gesellschaft und Wirtschaft aktiv zu begleiten. Um im globalen Wettbewerb weiter Schritt halten zu können, steht das Thema Digitalisierung deshalb seit Jahren auf der politischen Agenda. Breitbandausbau, Datenschutz, Industrie 4.0 und Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung – in der Vergangenheit wurden hierzulande zahlreiche Digitalisierungskonzepte entwickelt, -strategien vorgestellt und -initiativen gestartet. Das Ergebnis: Im internationalen Digitalisierungsvergleich landet Deutschland nur im Mittelfeld.

In diesem Beitrag analysiert Kanal Egal deshalb, wie eine erfolgreiche digitale Transformation auf nationaler Ebene gestaltet werden kann, was wir von unserem Nachbarland Dänemark bei der Umsetzung von Digitalisierungsstrategien lernen können und wie vor diesem Hintergrund das deutsche Maßnahmenpaket „Digitalisierung gestalten“ bewertet werden kann.

Masterplan vs. „LEAD-Approach“ – wie kann auf nationaler Ebene eine erfolgreiche Digitalisierung gestaltet werden?

Das wirtschaftliche Potenzial einer erfolgreichen Digitalisierung ist enorm. Experten schätzen, dass beispielsweise die Digitalisierung des europäischen Binnenmarktes pro Jahr zusätzlich 415 Milliarden Euro zur Wirtschaftsleistung der EU beitragen und hunderttausende neue Arbeitsplätze schaffen könnte. In Anbetracht dieser Zahlen stellt sich daher zunächst die Frage, wie eine erfolgreiche digitale Transformation auf nationaler Ebene gestaltet, begleitet und umgesetzt werden kann.

Die große Herausforderung für politische Entscheidungsträger bei der Entwicklung geeigneter Digitalisierungsstrategien ist die Tatsache, dass die erfolgreiche Digitalisierung eines Landes niemals nur vom Erfolg eines einzelnen Programmes oder einer einzelnen Initiative abhängt. Vielmehr ist der Erfolg das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Faktoren. Beim Versuch, diesen Dreiklang zu meistern, setzten Politiker in der Vergangenheit oft auf fixe Masterpläne. Mit starren Zielsetzungen, „TOP-DOWN“ – Entscheidungs-hierarchien und schwerfälligen Abläufen verfolgte man dabei aber Ansätze, die in der Digitalisierung fehl am Platz sind. Offensichtlich wird dies beim Blick auf die Erfolgsquote von Digitalisierungsinitiativen des öffentlichen Sektors: Aktuellen Statistiken zufolge liegt diese derzeit bei nur 20-30 Prozent.

Nach Meinung von Experten der Boston Consulting Group liegt der Schlüssel zu einer erfolgreichen digitalen Transformation auf nationaler Ebene dagegen vielmehr in einem ganzheitlichen und flexiblen „LEAD-Approach“.

Quelle: BCG

Bei diesem Ansatz geht es darum, in einem iterativen und agilen Vorgehen, die optimalen Voraussetzungen für die digitale Transformation eines Landes zu schaffen.

Dafür muss zunächst das richtige Fundament für eine erfolgreiche Digitalisierung gelegt werden. Neben dem Aufbau einer leistungsstarken digitalen Infrastruktur, die unter anderem einen flächendeckenden Zugang zu Highspeed Internetverbindungen ermöglicht, soll auch der Aufbau digitaler Fähigkeiten innerhalb der Gesellschaft verfolgt werden.

Dabei muss, z.B. durch die strategische Digitalisierung des Bildungssystems, ein Einklang zwischen den Anforderungen der fortschreitenden Digitalökonomie und den Kompetenzen heranwachsender Arbeitskräfte geschaffen werden.

Um den digitalen Wandel möglichst effizient begleiten zu können, gilt es anschließend auch die öffentliche Verwaltung zu digitalisieren. In einem agilen Prozess muss der Staat hier Angebote entwickeln, die den Bedürfnissen von Bürgern und Unternehmen im digitalen Zeitalter entsprechen. Besonders erfolgversprechend ist dabei das Konzept zentraler und digitaler Plattformen, über die beispielsweise Gewerbeanmeldungen durchgeführt oder neue Ausweisdokumente beantragt werden können.

Zur Beschleunigung der digitalen Transformation müssen außerdem Schlüsselsektoren identifiziert und gefördert werden, deren Digitalisierung den größtmöglichen Mehrwert für die gesamte Gesellschaft verspricht. Dazu können sich Entscheider an einem Entscheidungsbaum orientieren, der wirtschaftliche, soziale und globale Zielsetzungen vereint.

Quelle: BCG

Abschließend stärkt der „LEAD-Approach“, durch seine Forderung nach stetiger und gezielter Förderung von digitalen Innovationen, auch langfristig die Leistungskraft einer Volkswirtschaft.

Wie diese Theorie erfolgreich in der Praxis umgesetzt werden kann, zeigt unser Nachbarland Dänemark.

Digitaler Vorreiter Dänemark – wie wird der „LEAD-Approach“ erfolgreich in der Praxis umgesetzt?

Dänemark zählt international seit Jahren zu den führenden Digitalnationen. Dies belegt auch der „DESI Index 2018“, der den aktuellen Stand in den Bereichen Netzabdeckung, digitale Kompetenzen, Internetnutzung, Digitalisierungsgrad der Wirtschaft sowie elektronischer Behördendienste bewertet und Dänemark im europäischen Vergleich an erster Stelle sieht.

Quelle: European Commission

Als Voraussetzung für diesen Digitalisierungserfolg kann eine Kombination aus Weitsicht und einem ganzheitlichen, agilen Vorgehen der dänischen Regierung gesehen werden. Schon vor 15 Jahren hat diese das Potenzial der Digitalisierung für Wirtschaft und Gesellschaft erkannt und in Zuge dessen, als eine der ersten europäischen Regierungen überhaupt, eine nationale Digitalstrategie verabschiedet.

Mit dem Ziel Wirtschaft, Gesellschaft und öffentliche Verwaltung in gleichem Maße zu digitalisieren, folgte diese Strategie allen, oben aufgeführten, Schritten des „LEAD-Approach“.

Folgerichtig wurde zunächst eine leistungsstarke Infrastruktur aufgebaut. Diese gilt heute, dank flächendeckender 4G-Netzabdeckung und hervorragender Breitbandausstattung, als beste digitale Infrastruktur Europas.

Anschließend wurden, entsprechend der digitalen Bedürfnisse von Bürgern und Unternehmen, drei zentrale digitale Plattformen geschaffen, über die seither alle staatlichen Verwaltungsleistungen abrufbar sind.

So können Bürger über das Bürgerportal „borger.dk“ z.B. neue Personalausweise beantragen oder die Schulanmeldung ihrer Kinder durchführen. Mithilfe des Unternehmerportals „virk.dk“ können Unternehmen auf alle gewerberelevanten Angebote zugreifen und auch das Gesundheitswesen bietet über das Gesundheitsportal „sundhed.dk“ alle seine Leistungen zentral und digital an.

Ebenso konsequent wurde die Förderung digitaler Kompetenzen von KMUs verfolgt. Mit zahlreichen Initiativen, die sich stets durch eine Synthese aktueller Forschungsergebnisse, Industrie-Input und staatlicher Finanzierung auszeichneten, konnte der Kern der heimischen Wirtschaft optimal auf die Anforderungen der Digitalökonomie eingestellt werden.

Hervorragende Voraussetzungen und Spitzenreiter im europäischen Vergleich – Dänemark ist Europas Digitalisierungsvorbild und arbeitet ununterbrochen daran, diese Position auch in Zukunft zu halten: Im Jahr 2018 wurde folglich eine neue Strategie für digitales Wachstum verabschiedet, die besonders darauf abzielt die digitalen Kompetenzen in Wirtschaft und Gesellschaft weiter auszubauen.

Durch 38 Einzelinitiativen, die die Gesellschaft und einheimische Unternehmen bei der Annahme und Umsetzung von digitalen Trendthemen wie IoT, AI, Big Data oder Cybersecurity unterstützen, schafft die dänische Regierung so fortwährend optimale Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Digitalisierung und langfristiges wirtschaftliches Wachstum.

Unser Nachbarland zeigt also beispielhaft, wie eine erfolgreiche digitale Transformation entsprechend des „LEAD-Approach“ auf nationaler Ebene gestaltet, begleitet und umgesetzt werden kann. Vor diesem Hintergrund gilt es nun, das neue deutsche Maßnahmenpaket „Digitalisierung gestalten“ zu bewerten.

„Digitalisierung gestalten“ – wie erfolgversprechend ist die deutsche Digitalisierungsstrategie?

Die Ergebnisse des „DESI-Index 2018“ belegen erneut, wie weit Anspruch und Wirklichkeit deutscher Digitalisierungsbemühungen auseinanderliegen. Die abermalige Positionierung im digitalen Mittelfeld Europas ist vor allem deshalb enttäuschend, weil Deutschland mit einem starken industriellen Kern, einem gut aufgestellten Mittelstand und vielen klugen, innovativen Köpfen eigentlich über die besten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Digitalisierung verfügt. Um diese Potenziale voll auszuschöpfen und Deutschlands wirtschaftliche Leistungsfähigkeit auch in der fortschreitenden Digitalökonomie zu sichern, hat die Bundesregierung nun das Maßnahmenpaket „Digitalisierung gestalten“ verabschiedet.

Im Gegensatz zu früheren Digitalisierungskonzepten, wählte man bei der Erarbeitung des Maßnahmenpakets diesmal einen völlig neuen Weg. In einer strategisch-kooperativen Methodik wurden, von Bundeskanzleramt und den Bundesministerien, Maßnahmen entwickelt, die stärker als zuvor an den potenziellen Nutzern ausgerichtet sind. Dabei folgt das Konzept in seiner Struktur dem „LEAD-Approach“ und soll eine ganzheitliche Digitalisierung von Gesellschaft, Wirtschaft und Staat ermöglichen.

Konkret enthält die Strategie fünf Handlungsfelder mit individuellen Zielen, die stetig überprüft, gemessen und weiterentwickelt werden.

Quelle: Bundesregierung

Das Handlungsfeld „Digitale Kompetenz“ umfasst dabei zahlreiche Initiativen, die Bürger dazu befähigen sollen, den digitalen Wandel selbstbestimmt mitzugestalten. Ein besonderes Anliegen ist es hierbei, das Bildungssystem an die digitale Lebens-, Arbeits- und Wirtschaftswelt anzupassen. Dafür wurde unter anderem der „DigitalPakt Schule“ erarbeitet, mit dem die Entwicklung einer leistungsstarken digitalen Lern-Infrastruktur an rund 43.000 deutschen Schulen vorangetrieben werden soll. Schüler sollen so befähigt werden, digitale Angebote nicht nur zu nutzen, sondern auch die dahinterstehen Algorithmen oder Geschäftsmodelle zu verstehen. Ebenso zielt der „DigitalPakt Schule“ auf die Förderung der fachlichen Qualifikation von Lehrkräften ab, um eine effektive Vermittlung digitaler Kompetenzen an Schüler/innen zu gewährleisten.

Auch der Ausbau der digitalen Infrastruktur und Ausstattung ist ein zentrales Handlungsfeld der neuen deutschen Digitalisierungsstrategie. Ziel dabei ist die vollständige Anbindung an digitale Netze –für alle, von überall und zu jeder Zeit. Mit der „Zukunftsoffensive Gigabit- Deutschland“ wurde in diesem Rahmen ein Konzept beschlossen, das bis 2025 in ganz Deutschland gigabit-fähige konvergente Netzinfrastrukturen realisieren soll. Außerdem strebt die Bundesregierung eine flächendeckende Versorgung mit 4G-Mobilfunknetzen sowie die Entwicklung Deutschlands zum Leitmarkt für Anwendungen im Mobilfunkstandard 5G an. Elementar für das Erreichen dieses Meilensteins ist die „5x5G-Strategie“, die neben einer Intensivierung von Forschung und Entwicklung im Rahmen von 5G-Pionierregionen auch die Bereitstellung finanzieller Mittel für die Umsetzung von 5G-Konzepten vorsieht.

Ebenso großen Stellenwert besitzt für die Bundesregierung die Gesellschaft im digitalen Wandel. Denn „Positiver Fortschritt wird sich nur entfalten, wenn der digitale Wandel in der Mitte der Gesellschaft verankert ist, wenn er von allen gesellschaftlichen Gruppen angenommen wird und seine Chancen allen Gruppen gleichermaßen offenstehen.“  Um dies zu gewährleisten wurde, im September 2018, eine Datenethikkommission eingerichtet. Auf Basis wissenschaftlicher und technischer Expertise entwickelt sie seither ethische Leitlinien für den Schutz des Einzelnen, die Wahrung des gesellschaftlichen Zusammenlebens sowie die Sicherung und Förderung des Wohlstands im Informationszeitalter. Drei Themengebiete stehen dabei besonders im Fokus: Prognose- und Entscheidungsprozesse auf der Basis von Algorithmen, künstliche Intelligenz sowie der rechtssichere, verantwortungsvolle Umgang mit Daten. (Verlinkung Detailinfos)

Darüber hinaus folgt die deutsche Digitalisierungsstrategie auch der Forderung des „LEAD-Approach“ nach der Förderung digitaler Innovation und digitaler Kompetenzen. Mit dem Ziel neben hervorragender technologischer Forschung auch hervorragende technologische Produkte „Made in Germany“ auf den Markt zu bringen, wird hier versucht optimale Rahmenbedingungen für den Wirtschaftsstandort Deutschland zu schaffen.

Dazu wird die breite und branchenübergreifende Umsetzung von Industrie 4.0 bei Unternehmen in Deutschland, insbesondere bei KMUs, durch Entwicklung von Handlungsempfehlungen, Praxisleitfäden und Best Practices gefördert. Zusätzlich sollen in diesem Rahmen auch die internationale Zusammenarbeit und der Dialog zu Best Practices sowie der Austausch über globale Rahmenbedingungen für Industrie 4.0 vorangetrieben werden.

Ferner möchte man mit der „Strategie Künstliche Intelligenz (KI)“ die Erforschung, Entwicklung und Anwendung von KI in Deutschland auf ein weltweit führendes Niveau heben. Nach Ansicht der Bundesregierung ist diese Strategie ein Schlüsselelement auf dem Weg zur erfolgreichen Digitalisierung und soll deshalb einen Orientierungsrahmen für das Handeln im Bereich KI liefern.

Auch die Potenziale anderer Innovationen werden aktuell intensiv geprüft. So beschäftigt man sich beispielsweise mit Distributed-Ledger-Technologien oder der Entwicklung einer Blockchain Strategie.

Um die, dabei entstehenden, Potenziale der digitalen Wirtschaft und Gesellschaft effizient nutzen zu können, soll bis 2022 außerdem eine leistungsstarke E-Government Infrastruktur entwickelt werden. Über einen zentralen digitalen Portalverbund sollen Bürger und Unternehmen einen nutzerfreundlichen, schnellen und vor allem sicheren Zugang zu Verwaltungsdienstleistungen erhalten.

Quelle: Bundesregierung

Über diese Plattform könnte dann beispielsweise Eltern, nach der Geburt ihres Kindes, ohne weitere Antragsstellung die Geburtsurkunde übersandt und Kindergeld ausgezahlt werden. Das Konzept soll dabei eine „Once-Only-Funktionalität“ bieten, durch welche Bürger oder Unternehmen ihre Daten nur einmal an die Verwaltung übermitteln müssten. Innerhalb des Portals können die verschiedenen Behörden vorhandene Daten anschließend effizient austauschen. Außerdem soll auf dem Portal transparent ersichtlich sein, welche Daten beim Staat gespeichert sind und welche Behörden auf diese zugegriffen haben.

Insgesamt lässt sich also festhalten, dass das Maßnahmenpaket „Digitalisierung gestalten“ durchaus dabei helfen könnte, den digitalen Wandel in Deutschland erfolgreich zu gestalten. In seiner Struktur folgt es eindeutig den vorgestellten Leitlinien des „LEAD-Approach“, der, wie das Beispiel Dänemark eindrucksvoll belegt, passende Lösungen für die vielfältigen Herausforderungen der Digitalisierung liefert. Ob die einzelnen Initiativen aber letztlich die gewünschte Wirkung erzielen werden, hängt auch davon ab, wie Deutschland bei der Umsetzung der neuen Strategie agiert. Experten haben hier bereits einige Problemfelder identifiziert, die es zu lösen gilt. So bemängeln sie beispielsweise neben dem geplanten Vergabeverfahren von 5G Frequenzen in Deutschland auch das, ihrer Meinung nach, viel zu geringe Investitionsvolumen für den geplanten Infrastrukturausbau. Kanal Egal wird den Fortschritt der deutschen Digitalisierung deshalb weiter aufmerksam verfolgen und über entsprechende Entwicklungen berichten.

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