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Auf- und Umbruch: 7 Ideen für digitalen Wandel in der Versorgerbranche

10.11.2016 | Kommentare
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Es ist eine Branche, die Digitalisierungsexperten mit Blick auf die Digitale Transformation zunächst kaum auf dem Schirm hatten. Dabei treffen gerade auf die in Deutschland noch bis vor kurzem hochregulierte Versorgerbranche zahlreiche Trends und sich ändernde Rahmenbedingungen, die gewaltige Veränderungen unweigerlich zur Folge haben werden. In einem immer stärker umkämpften Strom- und Gasversorgermarkt geht das digitale „Change Gespenst“ um. In Deutschland gehen dabei Energiewende und Digitalisierung Hand in Hand. Viele Herausforderungen der Energiewende lassen sich über neue Möglichkeiten, die im Zuge von Digitalisierung und Industrie 4.0 gewachsen sind, technisch lösen. Allerdings sind die Versorger, vom großen Dax-Unternehmen bis zum lokal organisierten Stadtwerk, längst nicht so gut aufgestellt und vorbereitet, wie uns zum Beispiel der Interessenverband BDEW glauben lassen will. Hinzu kommen über Jahre angehäufte Investitions- und Innovationsrückstände hinsichtlich digitaler Technologien.

Die Jahre 2015 und 2016 könnte man als Jahre des Erwachens für die Branche bezeichnen. Vielen ist bewusst geworden, hauptsächlich durch ein schwierigeres und weniger margenträchtiges Kerngeschäft, dass ein „einfach so weiter wie bisher“ nicht funktionieren kann. Und tatsächlich: Bei vielen EVUs herrscht digitale Aufbruchsstimmung, auch wenn noch selten klar ist, in welche Richtung man nun eigentlich aufbrechen sollte. Den Leidensdruck erhöhen neben den genannten Faktoren auch ein stärkerer Wettbewerb und eine größere Preistransparenz über das Internet. Ein Anbieterwechsel war für Privat- und Geschäftskunden noch nie so einfach wie heute. Als weitere Hebel kommen die verstärkte Dezentralisierung und Kleinteiligkeit auf dem Energiemarkt, neue gesetzliche Rahmenbedingungen auch auf EU-Ebene, branchenspezifische Technologietrends wie Smart Grids oder Smart Metering und nicht zuletzt ein verändertes Kauf- und Nutzungsverhalten der Endnutzer hinzu. Zudem treffen Trends wie intelligente Vernetzung, Smart Cities, ökologisches Bewusstsein und stärkere Individualisierung die Branche mit voller Wucht. Nimmt man alles zusammen entsteht ein Spannungsfeld, ein regelrechtes Potpourri an digitalen Herausforderungen.

Technisch müssen intelligente Lösungen geschaffen werden, die neben klassischen Einspeisern und Erneuerbaren Energien (EE) auch kleine und kundennahe Erzeugungsanlagen integrieren. Mehr und mehr Kunden werden zu sogenannten Prosumern. Dies bringt auch neue technische Herausforderungen an Speicher- und Verbrauchsanlagen mit sich. Die Kunden wiederum wollen über Smart Meter ihren Energieverbrauch optimieren. Gekoppelt zum Beispiel an Telekommunikationsanlagen, können mittlerweile Verbrauchsdaten erfasst, überwacht und optimiert werden. Immer mehr Kunden interessieren sich unter dem Stichwort „Smart Home“ für diese Art der effizienten Ressourcennutzung. Um solche Lösungen nutzbar zu machen, müssten jedoch flächendeckend intelligente Messsysteme installiert werden. Auch bei weiteren Trends, wie intelligenten Lichtlösungen oder der Installation von Aufladeinfrastruktur für die wachsende E-Mobilität, hinken die meisten EVUs noch ihren eigenen Plänen hinterher.

Strategisch muss sich die Branche mit neuen Geschäftsmodellen auseinandersetzen. Wie aus anderen Branchen bekannt, halten immer mehr servicebasierte Geschäftsmodelle Einzug oder entstehen digitale Plattformen und neue Ecosysteme. Schon heute verdienen Stromversorger vermehrt Geld mit dem digitalen Handel von Strom. Ebenfalls nicht auszuschließen ist der Eintritt neuer Wettbewerber, die digitalen Möglichkeiten und Veränderungen machen es möglich. Dabei geht es nicht etwa nur um kleine Startups – die durchaus disruptiven Veränderungen der Branche könnten diese auch für globale digitale Player interessant machen. Als sicher gilt, dass es zu Verschiebungen im Markt kommen wird, je nachdem welches Unternehmen die aktuellen Herausforderungen wie gut meistern kann.



Wie also können sich EVUs den aktuellen Veränderungen stellen und gibt es vielleicht einen Masterplan?

Letzteres muss aufgrund der Fülle und Komplexität der Herausforderungen und der jeweils individuell verschiedenen Situation der Versorger klar verneint werden. Dennoch gibt es grundlegende Ansätze, die allen gemein sind und deren Umsetzung die Basis für zukünftigen Geschäftserfolg legen kann.

1) Es braucht eine kombinierte Strategie aus Digitalisierungs- und branchenspezifischen Modernisierungsmaßnahmen. Schnelle, nicht-abgestimmte Einzelmaßnahmen sind kurzfristige Flickschusterei und nicht zielführender, als Kohlekraftwerke als Brückentechnologie in der Energiewende.

2) Eine neue Sicht auf Geschäfts- und Privatkunden. Welche Services wünschen diese, welche Werte sind ihnen wichtig und wie stellen sie sich eine ideale Customer Journey vor. Kundenbindung heißt nicht, wie bisher monatlich die Rechnung postalisch zuzustellen.

3) Eine offene Innovationskultur. Change muss managementseitig als Chance vermittelt, Resilienz vorgelebt werden. Die Chancen in der Versorgerbranche sind genau wie die anstehenden Risiken mannigfaltig. Neue Innovationsmethoden helfen, auf die richtigen Pferde und Trends zu setzen.

4) Interne Prozessanpassungen und eine zukunftssichere IT-Strategie, die den übergeordneten Geschäftszielen gerecht wird. Die Jahre verschleppter Prozessoptimierungen und interner IT Digitalisierung haben Spuren hinterlassen – umso größer sind hier die Optimierungspotenziale.

5) Das Eingehen neuer Partnerschaften, die Berücksichtigung neuer Wettbewerber und ein intensives Nachdenken über neue digitale Geschäftsmodelle. Dabei geht es nicht um die Verleugnung der eigenen DNA, sondern diese in das digitale Zeitalter zu transformieren.

6) Es braucht Ideen für den Generationenwechsel. Wie lockt man zukünftig Fachkräfte zu einem eher provinzialen Stadtwerk? Wie teile ich das Wissen der erfahrenen Mitarbeiter effizient mit Neueinsteigern? Setze ich weiter auf handwerkliche und logistische Leistungen oder konzentriere ich mich vermehrt auf Zukunftsthemen? Diese und viele weitere Fragen gilt es ohne Scheuklappen zu klären.

7) Starke Beachtung der Themen Sicherheit und Qualität. Der EVU von morgen vernetzt hochsensible Daten, neue Technologien bringen auch neue Angriffspunkte und –arten mit sich. Hier helfen nur durchdachte, hochsichere digitale Lösungen, die auch den neuen gesetzlichen Regelungen entsprechen.


In der Summe wird schnell deutlich, dass die Versorgerbranche zu den am stärksten betroffenen Branchen des digitalen Wandels zu zählen ist. Gesprächen mit Unternehmen der Branche zeigen eindeutig, wer hier besser oder schlechter gewappnet ist. Der Wettkampf um die digitale Führerschaft ist gerade erst eröffnet und es bleibt spannend, wem es gelingt, durch die Erschließung neuer Potenziale und Möglichkeiten seine Marktposition zu verbessern.

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