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Industrie 4.0 – Hype oder Realität?

2.02.2017 | Kommentare
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Industrie 4.0, Industrial IoT, Integrated Industry, Industrial Internet – all diese Begriffe meinen das Gleiche: Die Produktion wird immer stärker vernetzt, Maschinen kommunizieren nicht mehr nur untereinander, sondern auch nach außen. Kurz: Das Internet der Dinge (IoT) hält Einzug in die Produktion. Diese Entwicklung wird durch neuartige Technologien wie Augmented Reality, 3D-Druck usw. begleitet, die durch die Vernetzung einen stärkeren Nutzen für die Produktion bieten können.
Der Begriff Industrie 4.0 wurde 2011 zum ersten Mal auf der Hannover Messe genannt und hat sich in den letzten Jahren wie ein Lauffeuer verbreitet. Die Bundesregierung machte Industrie 4.0 zu einem geförderten Zukunftsprojekt. Anfang 2016 waren bereits 120 Millionen Euro Fördergelder in Industrie 4.0-Projekte geflossen. 2013 wurde die Plattform Industrie 4.0 gegründet. Es sind zahlreiche Demo-Fabriken/Testbeds und einzelne Umsetzungsprojekte entstanden. Noch immer wird viel über Industrie 4.0 geredet, geschrieben, präsentiert und geforscht – doch gab es bereits konkrete Ergebnisse und Verbesserungen? Handelt es sich nur um einen Marketing-Hype oder ist da mehr? Versuchen wir, einen ungetrübten Blick auf die Realität zu werfen.




Wahrnehmung und Relevanz

Produktions- und Logistikunternehmen sind sich der Relevanz von Industrie 4.0 bewusst und starten bereits erste „Gehversuche“. Das zeigt unter anderem die PAC-Studie IoT in Produktion und Logistik, nach der 23% der Unternehmen das Thema diskutieren und bereits 30% einzelne Projekte abgeschlossen haben. Und es scheint kein Ende in Sicht. 57% der mittelständischen Unternehmen, die von Deloitte in der Studie Industrie 4.0 im Mittelstand befragt wurden, bescheinigen Industrie 4.0 eine zunehmende Bedeutung. Doch es handelt sich insgesamt noch um zaghafte Annäherungsversuche. Unternehmen hätten laut Deloitte keine klar umrissene Vorstellung zu den Auswirkungen dieser Entwicklungen. Diese Erfahrung machen wir ebenfalls im täglichen Beratungsgeschäft. Der Hype führt zu einer Informationsflut, die wiederum oft Überforderung bedeutet. Oft werden Strategie- oder Innovationsworkshops durchgeführt, um die große Vision und die komplexen Konzepte für das eigene Unternehmen umsetzbar zu machen.Bild1 [„IoT in Produktion und Logistik“]Bild2[„Industrie 4.0 im Mittelstand“]

Prozessverbesserungen stehen im Fokus

Zwar wird medial im Zuge der digitalen Transformation immer wieder von disruptiven neuen Geschäftsmodellen gesprochen, die Realität sieht in Deutschland jedoch anders aus. In Industrie 4.0-Projekten geht es unserer Erfahrung nach oft um konkrete Prozessverbesserungen, die Vermeidung von Stillstandzeiten oder die verbesserte Systemvernetzung. Dies deckt sich mit den Ergebnissen der oben genannten Studie „Industrie 4.0 im Mittelstand“ (s. Grafik unten). Ein Artikel mit dem bezeichnenden Titel „Der lange Weg zur Industrie 4.0 in der Produktion“ meint gar, dass die deutsche Industrie noch einiges nachholen muss: „Was die Unternehmen in diesem Umfeld vielmehr beschäftigt, ist das, was man eigentlich ‚Industrie 3.x‘ nennen müsste. Keine Revolution also, sondern das evolutionäre Nachholen dessen, was im Konzept des Computer Integrated Manufacturing (CIM) bereits in den 1970er Jahren in wesentlichen Zügen als Zukunftsvision beschrieben wurde“. Unserer Erfahrung nach ist der Wunsch nach Effizienzsteigerung und Kosteneinsparung historisch gewachsen. Fertigungsunternehmen versuchen mit den technologischen Möglichkeiten der Industrie 4.0 an die Lean Production Welle aus den 80er und 90er Jahren anzuschließen. Das Mindset Richtung Geschäftsmodelle verändert sich nicht von einem auf den anderen Tag. Es muss jedoch langfristig ein Umdenken erfolgen, um das gesamte Potential neuer technologischer Möglichkeiten auszuschöpfen.Bild3[„Industrie 4.0 im Mittelstand“]

Aller Anfang ist schwerIndustrie40

„Industrie 4.0 meint doch selbststeuernde Fertigungsstücke“. Dieser Satz aus einem realen Gespräch mit einem mittelständischen Industrieunternehmen beschreibt ziemlich gut, wie unterschiedlich das Thema wahrgenommen wird. Laut einer Studie im Auftrag des BMWi handelt es sich bei „Selbstorganisation und Autonomie“ um den Bereich, der noch am weitesten entfernt ist auf dem Weg zur Industrie 4.0. Es gilt also wieder von den luftigen Höhen einer komplexen gesamtwirtschaftlichen Vision auf den Boden der Tatsachen des einzelnen Unternehmens zu kommen. Von heute auf morgen lässt sich nicht die gesamte Produktion umkrempeln – so viel dürfte jedem klar sein. Doch wie anfangen?Bild4[„Erschließen der Potenziale der Anwendung von ,Industrie 4.0‘ im Mittelstand“]

In der obenstehenden Abbildung wird der Weg zur Industrie 4.0 nach Funktionsbereichen skizziert. Unserer Erfahrung nach kommen hier noch weitere relevante Aspekte dazu. Viele Unternehmen haben weder eine Vorstellung davon, wo sie aktuell im Vergleich stehen, noch an welchen Stellen Sie ansetzen sollten, um ihre Fertigung Industrie 4.0-ready zu machen. Die folgenden groben Schritte haben sich beim Weg durch den Industrie 4.0-Dschungel bewährt:

1. Interdisziplinäres Industrie 4.0-Team zusammenstellen (Verantwortliche für IT Systeme/IT Infrastruktur, Engineering, Supply Chain, Innovation/Technologie etc.)

2. Gemeinsames Begriffsverständnis schaffen

3. Ist-Analyse zum Beispiel in Form einer Reifegradanalyse (Maturity Assessment)

4. Entwicklung einer Industrie 4.0-Strategie

5. Identifikation konkreter Use Cases (siehe Abbildung unten) anhand der oben beschriebenen Funktionsbereichen

6. Gezielte Initiierung von Pilotprojekten

Use Cases

Aktuell analysiert laut einer PAC-Studie nur jedes dritte Unternehmen seine IoT-Daten. Unserer Erfahrung nach wissen viele Fertigungsunternehmen nicht, welche Daten sie bereits besitzen und welchen Wert diese haben. Hier bietet sich häufig ein guter Anknüpfungspunkt für erste Pilotprojekte, um mittels Datenanalysen einen konkreten Mehrwert zu erzeugen. Grundsätzlich gilt natürlich: Industrie 4.0 Projekte sind kein Selbstzweck. „Wir müssen Industrie 4.0 machen“ ist kein valides Argument, ein entsprechendes Projekt durchzuführen. Viel eher geht es darum, wettbewerbsfähig zu bleiben, um langfristig im Markt zu bestehen.Bild5

„Wer keine klaren Vorstellungen von einem Business Case hat, kann viel Geld sinnlos verpulvern“ → Quelle . Unternehmen sollten sich deshalb ein modulares IoT-Portfolio aufbauen, dessen Assets und Ressourcen auf die jeweiligen Geschäftsziele bezogen sind und sich beliebig kombinieren lassen. Also was ist Industrie 4.0 nun? Hype oder Realität? Wir denken: Industrie 4.0 ist ein Zielbild einer smarten Produktion, das nicht zwingend disruptiv Realität wird.

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  1. Sven Haug am 14.02.2017

    Firmen die in den letzten Jahren zu wenig für ihre Produktivitätssteigerung, unabhängig ob in der Produktion oder in der Administration, getan haben, werden die Veränderungen eher schmerzhaft erfahren.
    Ein weiter wichtiger Punkt ist doch die Einbeziehung der Mitarbeiter. Wie gelingt es den Unternehmen eine Bottom-Up Veränderung aufzubauen und zu nützen. Da wir doch im privaten Umfeld zum Teil schon viel mehr I4.0 Technik einsetzen als in der Firma in der wir arbeiten! Hierfür ist es notwendig ein Veränderungskultur über z.B. einen täglichen KVP zu haben.
    Dies beschleunigt die Veränderung, und es kommt Druck aus der Belegschaft auf das Management!

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  2. Johanna Matthes am 12.04.2017

    Wir haben die Erfahrung gemacht, das die Belegschaft oft sehr zersplittert ist, was die Akzeptanz entsprechender Technologien und Veränderungsprozesse angeht. Um eine klare Linie zu fahren, ist eine Einigung auf Managementebene sicher ebenfalls notwendig. Die Kombination wäre optimal. Offenheit und Transformationsgedanken seitens des Management für die Ideen der technologiebegeisterten Mitarbeiter. Partizipative Gestaltung wie sie es beschreiben ist immer sinnvoll. Natürlich weiß der Mitarbeiter am besten, was verbessert werden kann, wenn er täglich daran arbeitet. Werden Ideen gehört und ist die Offenheit seitens des Management da, steckt das auch andere Mitarbeiter an.

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